(image-scene Kommentar) Mehr als 3000 Mitarbeiter des deutschen Fotofinishings bangen derzeit immer noch um ihren Arbeitsplatz oder haben ihn in den letzten Wochen verloren. Strukturkrise, Management-Versagen, Spekulantentum? Die Wellen der Entrüstung schlagen hoch und vor allem die betroffenen Mitarbeiter und ihre Familien stehen seit dem Kodak Entschluss vom Herbst vergangenen Jahres, sich komplett aus dem Foto Groß Finishing zurückzuziehen, unter Dauerstress und Existenzangst. Gescheitert sind dabei sowohl Inhaber-geführte Unternehmen (V-Dia, Stoppel, Südcolor usw.) wie auch mit internationalem Management verantwortete Strukturen (Kodak Laborgruppe).
Eingezwängt in die finanziellen und juristischen Fesseln einer Betriebsführung „unter Insolvenz“ produzieren derzeit noch die verbliebenen ehemaligen Kodak Fotolabore als KFS Fotolabore i.I. Für die Heidelberger Laborgruppe V-Dia kam am 13.Juli 2004 die traurige Nachricht für eine komplette Schließung aller Betriebsteile zum 14.August 2004. Davon sind nach dem Zusammenbruch der BHG Color & Print Holding bei der V-Dia Gruppe betroffen: 980 Mitarbeiter an den Standorten in Heidelberg (483), bei Spree Color, Berlin (42) PrintPartner Fotolabor Gotha (114), Rhein Main Color in Wallau (181) und OK-Shop mit der Zentrale in Heidelberg (160).
In Insolvenz befinden sich seit Anfang März dieses Jahres die noch verbliebenen Standorte der ehemaligen Kodak Labor-Gruppe; sie wurden noch von der BHG Holding in der KFS Fotolabore GmbH zusammengefasst. Ehemals umfasste die Kodak Laborgruppe in Deutschland zehn Laborstandorte (Stuttgart-Vaihingen, Lingen, Bochum, Mühlenbeck / Berlin, Regensburg, Schwabach, Markkleeberg / Leipzig, Waldkirch, Wedemark / Hannover und Wiesbaden) - davon existieren derzeit – als KFS Fotolabore – nur noch fünf Standorte: Stuttgart, Lingen, Wiesbaden, Regensburg und der wiedereröffnete Betrieb in Leipzig mit etwa 600 Beschäftigten (von ehemals 1500 Mitarbeitern). Mit dem Standort Leipzig wurde (für die Belieferung der Großräume Leipzig / Dresden sowie Berlin) zwar ein bereits geschlossenes Labor wiedereröffnet, unterliegt jedoch ebenfalls den besonderen Voraussetzungen der Insolvenz. In seinem Bestand in Frage gestellt wird dabei immer wieder der KFS (Haupt)Standort Stuttgart; er tauchte bereits bei der ersten BHG Schließungswelle mit einem "k.w." (kann wegfallen) Vermerk auf; wurde dann wieder für einen Großkunden benötigt und steht jetzt nach Wegfall dieses Hauptauftragsgebers erneut zur Diskussion/Disposition, zumal dort in gemieteten Räumen produziert wird.
Parallel zu diesen Vorgängen – und von der Öffentlichkeit beinahe unbemerkt – verschwand inzwischen ein weiterer Finishing-Betrieb: Südcolor in Amberg! Dieser Familienbetrieb wurde vom Konkursverwalter komplett geschlossen. Unbeschadet aus der Krise kam einzig das ehemalige Großlabor von Foto-Quelle Nürnberg, heute unter dem Dach der BT-Mittelstand, während für die Berliner Labor-Betriebe von Foto-Wegert, sowie für das Großlabor Spree-Color ebenfalls Insolvenz beantragt wurde. Als kleineres Fachlabor - und nicht mehr als Großlabor - unter gleicher Adresse weitergeführt wird das ehemalige Fotolabor Stoppel Goslar - nach der Insolvens von Stoppel - als Digital + Portrait Lab GmbH dplab.de. Dieses Labor kümmert sich bundesweit derzeit auch überregional intensiv um die Belange der digital fotografierenden Portrait-, Gesellschafts- und Berufsfotografen.
Wo findet die Zukunft statt? Wie geht es weiter? Täglich geistern weitere Katastrophenmeldungen über den evtuellen oder tatsächlichen Verlust der letzten Großkunden durch die Labor-Betriebe und die verbliebenen Mitarbeiter werden mit Gerüchten von weiteren Standortschließungen aufgeschreckt. Und das obwohl sie bereits seit Monaten aufgrund der komplizierten Strukturen und Verschachtelungen bei den Betriebsstrukturen und regionalen Arbeitsamts Zuständigkeiten kaum oder nur erheblich verzögert Lohn- oder Ersatzzahlungen erhalten.
Um einen völligen Zusammenbruch der in der KFS GmbH zusammengeschlossenen ehemaligen Kodak Standorte zu vermeiden, hatte sich für eine Frist von längstens sechs Monaten Kodak bereit erklärt, den Betrieb seiner noch verbliebenen ehemaligen Labore aufrecht zu erhalten; eine ausreichende Auftragslage vorausgesetzt! Für die V-Dia Gruppe galt diese Zusage nicht.
Dass die beiden – jeweils vom Gericht bestellten – Insolvenzverwalter von KFS und V-Dia (evtl. sogar gemeinsam) in den vergangenen Wochen intensiv an einer Rettung möglichst vieler Arbeitsplätze arbeiten würden, ist für die Öffentlichkeit nicht so recht erkennbar. Zumindest konnten sie den Weggang weiterer Hauptkunden nicht verhindern! Im Gegenteil: Feuerwehreinsätze zur Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit, für die Auslieferung der Aufträge, das Hinhalten aufgebrachter Lieferanten mit vielen unbezahlten Rechnungen, sowie ähnliche größere und kleinere „Lösch“-Einsätze bestimmen dort wohl noch immer die Tagesordnung.
Hinzu kommt, dass die rechtlichen Bedingungen des Insolvenzrechts den jeweiligen Anwaltskanzleien kaum unternehmerisch in die Zukunft weisenden Gestaltungsraum ermöglichen, ganz abgesehen davon, dass sich bei beiden Gruppen ein riesiger Berg an Forderungen aufgehäuft hat. Einer der größten Gläubiger ist dabei wohl Kodak selbst. Viel schlimmer sieht diese Situation jedoch für viele mittelständische EDV-, Wartungs-, Material- und sonstige Zulieferbetriebe aus. Hier hat der Zusammenbruch der beiden Großfinisher Kodak und V-Dia unverschuldet bereits viele weitere Menschen und Betriebe in große Not gebracht; so dass insgesamt die Bedeutung und das Ausmaß dieser Laborkrise weitaus größer ist, als auf den ersten Blick erkennbar. Vielleicht besteht darin auch der größte Kolateralschaden dieser traurigen Ereignisse, denn damit wird zugleich in Jahrzehnten erarbeitetes KnowHow "für das fotografische Bild für Jedermann" vernichtet. Jeder der die - langwierige und mit vielen Materialproben teuer bezahlte - Anfertigung "größerer Mengen eigener Prints" beim HomePrinting schon einmal hinter sich gebracht hat, weiß um die Bedeutung der preisgünstigen Massenproduktion hochwertiger Bilder im Groß-Finishing. Es ist ein erheblicher Unterschied mal gelegentlich ein schönes Bild A4 selbst zu drucken; oder 60 Bilder von einer Familienfeier via CD ROM beim Fotohändler und damit beim Finishing zu bestellen...
Visuelles Gedächtnis - beinahe zum Null-Tarif Man kann dies auch noch deutlicher, erhabener formulieren: Mit dem Groß-Fotofinishing verfügen wir (beinahe nur) in Deutschland über ein - kultur-gesellschaftlich gesehen - faszinierendes, weil extrem preisgünstiges Medium. Das wirklich jedem seine persönlichen visuellen Erinnerungen in nahezu unbegrenzter Vielfalt und Menge zur Verfügung stellt. Visuell - vor allem mit der Digitalkamera - zu notieren und ausgeben(!) zu können, was wichtig, schön und erinnernswert ist; ohne größer auf die Kosten achten zu müssen, das ist eine kultur-demokratische Freiheit einer Hochzivilisation. Ein wertvolles Gut, dass man nicht ohne Not zugunsten wesentlich teuerer Produktionsformen opfern sollte!
Und noch eine Randnotiz: Selbst wenn man zu Grund legt, dass Großfinishing fast ausschließlich eine speziell deutsche Produktionsform fotografischer Bilder ist: Kodak verletzte mit seinem radikalen Totalausstieg aus der fotografischen Bildproduktion jetzt erstmals das zentrale eiserne "George Eastman Grundgesetz"! Weit über 100 Jahre lang arbeitete das Weltunternehmen erfolgreich daran das fotografische Bild für jedermann stets nicht nur besser, sondern vor allem preisgünstiger und verfügbarer zu machen. Erstmals verließ man bei Kodak jetzt diesen hundertjährigen Weg der "Erfolgsformel: You press the button - we do the rest! mit dem Ausstieg aus dem "eigenen" fotografischen Finishing!
Die scheinbar auf den ersten Blick rationelle Idee - nur noch das Marketing für die speziellen Kodak Bilderlinien zu behalten und die Dienstleistung der Bildproduktion "irgendwo" einzukaufen - kann bereits als gescheitert angesehen werden. Denn sowohl der Absatz analoger und digitaler Produkte (Filme, Kameras, Speichermedien, Zubehör etc.), wie auch die Vermarktung der Bilderlinien und die Herstellung derselben, ist doch wohl auf "sinnvolle, über einhundert Jahre tradierte" Verflechtungen untrennbar miteinander verbunden! Vor allem deshalb, weil sich damit das Unternehmen selbst jegliche wirtschaftlichen und technologischen Zukunftwege für das Bild verstellt! Denn es ist wohl ein tragischer Treppenwitz der Fotografiegeschichte, dass genau zu dem Zeitpunkt, in dem nahezu jedes Amateurbild vom Negativ komplett digitalisiert wird, bzw. aus der Digitalkamera ohnehin als Datei vorliegt, Kodak sich technologisch aus diesem Zukunftsfeld der Bildspeicherung verabschiedet. Wie schon ein Jahrzehnt zuvor der unüberlegte Ausstieg aus dem professionellen Kodak Photo CD Bildspeicher System nicht nachvollziehbar war.
Zauberformel "TFS" ohne wirtschaftliche Konsequenz Jahrzehntelang hat die Branche ehrfürchtig von nichts anderem geredet und geträumt, als von den magischen drei Buchstaben "TFS" (Total Film Scanning, was labortechnisch das komplette Scannen eines Negatives und die damit verbundenen erheblichen Qualitätsverbesserungen bei der Bildausgabe und die Entwicklung neuartiger Bildspeicherangebote für Fotoamateure bedeutet). Kodak hat sogar mit dem i-Lab selbst bahnbrechende Entwicklungen dazu geleistet, besitzt mit dem eigenen OrderNet erste Erfahrungen in diesem Bereich; steigt jedoch aus dem vielleicht wichtigsten Wachstumsfeld der Amateurfotografie genau zu dem Zeitpunkt der Marktreife aus... Nur bei dem (heute noch wirtschaftlich unbedeutenden) Bereich Fotohandy wird innerhalb der Tochterfirma Ofoto weiter mit dem Thema Bildspeicherung experimentiert. 99 Prozent aller Amateurfotografen koppelt man (egal ob mit Negativ oder Digitaldatei) von der Foto-Zukunft ab!
Weg vom Film Es sind damit insbesondere die strukturellen Verwerfungen – ausgelöst durch den unüberlegten und hektischen Total-Ausstieg von Kodak und das wenig professionelle Zwischenspiel der BHG Color & Print Gruppe – die der Foto Branche nachhaltigen Schaden zufügen. Nur ein Beispiel: die handwerkliche Berufsfotografie wurde bisher durch die Fachabteilungen der Finisher mit besonders individuell ausgearbeiteten Foto-Facharbeiten (Portraitserien, Hochzeits- und Gesellschaftsaufnahmen) versorgt. Dafür haben derzeit die um ihr Überleben kämpfenden Finisher wenig Muße; zumal sich alle Betriebe mitten im Umstellungsprozess von analog auf digital befinden. So gerät also – unverschuldet – eine ganze Berufsgruppe unter die Räder und muss sich derzeit panisch nach den wenig verbliebenen Laborangeboten umsehen oder gleich zu Tinte und Co., also zu Selbstdrucken via LargeFormat Printer mit lichtstabiler Pigmenttinte wechseln.
Die Fotobranche treibt damit, wesentlich schneller als dies die technologische Entwicklung gefordert hat, ihre treuesten Kunden weg vom Film zu Digital und in die Tintenwelt – diese Kunden werden mit Sicherheit niemals zu traditioneller Fotografie mit Film und Chemie zurückkehren. Und noch eine Randbemerkung: Interessanterweise beschleunigte aktuell Kodak mit seinem Ausstieg aus dem Finishing diese Entwicklung - obwohl das Unternehmen selbst beim Thema InkJet schwach aufgestellt ist; d.h. keine eigenen Drucker oder Tinten anbieten kann... Also hier eigentlich in der viel gepriesenen "Imaging-Chain" - der Kette der Bildschritte "Erfassen, Speichern, Bearbeiten, Ausgeben..." - eine riesige Lücke zeigt...
Zukunft findet woanders statt Ein ähnlicher Kolateralschaden entsteht durch diesen Totalausstieg des Finishings bei Zukunftstechnologien, die man schon längst aus dem Großfinishing heraus entwickeln hätte müssen. Beispiel: Bildspeicherung. Alle Welt stürzt sich nur auf die Bild-Erstellung – allen voran die Digitalkamera Hersteller mit ihren ständig neuen Modellen bis hin zu den Foto-Handys, während wesentliche Bereiche wie Bildspeicherung, Bildverwaltung oder gar das Wiederfinden von einzelnen Aufnahmen nahezu völlig Vernachlässigt werden. Druckende Terminals, Minilabs oder Inkjet-Printer werden diese – immer dringlicher werdende - Herausforderung nicht lösen. Mit Photo CD, Picture CD, und diversen Online Services gab es für das Sammeln und Bewahren von Fotografie auch im digitalen Zeitalter wenigstens erste Ansätze im Finishing; diese nicht weiterentwickeln zu können, ist ebenfalls ein schwerer Schaden und ein strukturelles Versäumnis. Wer jedoch die vierteljährliche Börsenkurs- Erfolgsmeldung als nahezu einziges Unternehmenssziel verfolgt – hat für derart strategisches Denken nur noch wenig Spielraum.
Wir alle leben heute - visuell/fotografisch gesehen - in einer „Welt ohne Negativ“. Das ist eine besondere Verantwortung und Herausforderung zugleich. Die Idee das Fotofinishing als „Think-Tank“ für die Weiterentwicklung des digitalen Bildes, seiner Speicherung und seiner Verwendung zu Verwenden, wurde offenbar auf dem Altar der hektischen Produktion des „1-Cent-Prints“ geopfert. Heute ist es für viele dieser Branchen-Überlegungen zu spät; die Fotografie wird in anderen Märkten (z.B. vor allem in der Telekommunikation) weiterentwickelt.
Der Erfolg des digitalen Bildes beschleunigt sich mit immer stärkerem Tempo und deutlich rascher als erwartet. Neueste Zahlen aus den USA (Quelle: PMA Analysen) berichten von einem Rückgang bei den Filmentwicklungen von über 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und einem sehr starken Rückgang bei den Verkäufen von analog Fotoapparaten. Eine Teufelsspirale "nach unten" - die heute in ihrer Wirkungs- und Sogfunktion noch längst nicht eingeschätzt werden kann.
Strategien für den "Tag danach" ? Zurück zur Foto-Laborkrise hierzulande: Die störungsfreie Belieferung der verbliebenen Drogerieketten und Fotohändler (mit möglichst günstigen Prints) und der Erhalt wackelig gewordener Kunden ist sicher die Hauptaufgabe der beiden Konkursverwalter. Offenbar scheint jedoch der Betrieb der derzeit noch arbeitenden Laborstandorte - durch das "von der Fahne gehen weiterer Großkunden" nicht einmal mehr über die Sommersaison hinweg gesichert zu sein. So wäre naiv, auch noch „Strategien für den Tag darnach“ von branchen- und technologie unkundigen Insolvenzverwaltern zu erwarten.
Wo bleiben die Pläne für die (Überlebens)Zukunft? In den wenigen Wochen bis Saison-Ende wäre für das Überleben dieser Finisher-Rest-Standorte ein Feuerwerk von neuartigen Ideen, Plänen und Initiativen vonnöten, das zumindest Kunden und vielleicht sogar Investoren zum Engagement bewegt. Über die bereits erwähnte Baustelle „Bildspeicherung“ hinaus gilt es dringenst deutlich bessere Online Bestell Möglichkeiten für digitale Bilder zu entwickeln als bisher. (Zusammen mit dem Thema "Preiskrieg" übrigens eine der Hauptursachen für die gegenwärtige Krise: das sklavische Festhalten an schlechten, unkomfortablen Übertragungsprogrammen).
Es müssen pfiffige Konzepte für das Einbinden von Fotohandys angeboten und Kunden die Sicherheit eines technologisch up-todate aufgestellten leistungsfähigen Fachbetriebs vermittelt werden. Sicher kann „Marketing“ jetzt nicht über Nacht verordnet oder aus dem Hut gezaubert werden, zumal V-Dia (jahrzehntelang erfolgsverwöhnt dies kaum nötig hatte) und Kodak – nur auf sich selbst fixiert - ohnehin eine scharfe Trennung zwischen Bilderlinien-Vermarktung und Bild-Produktion pflegt(e).
Bleibt als Momentaufnahme folgendes festzustellen:
(1) Die Rolle der Kodak als "Auslöser" - wenn sicher auch nicht als Verursacher der Krise - ist bereits ausführlich gewürdigt worden (siehe nachstende Link-Liste zu den bisherigen Veröffentlichungen) und muß an dieser Stelle nicht nochmals wiederholt werden.
(2) Die Rolle der beteiligten Anwaltskanzleien ist - zumindest von Außen betrachtet - gnädig formuliert als "wenig rühmlich" zu bezeichnen. Sicher arbeiten die von den zuständigen Amtsgerichten bestellten Kanzleien im Sinne der Rechtspflege korrekt, ordentlich und zuverlässig. Jedoch das reicht nicht: durchschlagende Initiativen zur Rettung der Betriebe, Standorte und Arbeitsplätze sind bisher nicht erkennbar..
(3) Die Suche nach "einem Investor" als Heilsbringer ist naiv. Nur der "Eigenrettung mit ungewöhnlichen Methoden" scheint überhaupt nur noch eine sehr geringe Chance zuzukommen. KFS und V-Dia sitzen dabei in einer Schicksalsgemeinschaft zusammen in einem Boot. Darauf zu warten - bei Ableben des jeweils anderen - mit dessen restlichen Kunden evtl. überleben zu können ist/war gemein! Und wird sich vermutlich auch nach der jetzt bekannt gewordenen V-Dia Schließung nur wenig auszahlen.
(4) Gedanken dazu: Forderungsverzicht von Hauptgläubigern, Konzentration auf mietfreie "eigene" Standorte; Standortüberprüfung und vermutlich weitere Schließungen: Konzeption "alternativer" evtl. genossenschaftliche, mitarbeiterbeteiligte Betriebsstrukturen; radikaler Lohnverzicht aller Arbeitnehmer; flexible Arbeitszeiten bis zur 50 Stunden Woche; Offenlegung aller Gehälter (incl. der Führungskräfte); Zurückdrängung der Gewerkschaften auf das gesetzlich notwendige Mindestmaß; Trennung von unwirtschaftlichen Produktionselementen, Bilderlinien, Nachtservice(?) Formaten, oder Sonderprodukten; blitzartiger Aufbau eines Marketing- und PR-Teams; Trennung von bisherig wenig attraktiven und leistungsfähigen Internet-Frontends (KPCO); beschleunigter Ausbau modernster Leitungsstrukturen für die vernetzte Verarbeitung von digitalen Bilddateien; Neudefinition von Mailorder-Möglichkeiten (auf Basis des digitalen Bildes), Fachservices für digital fotografierende Edelamateure und Berufsfotografen, Digitalbild-Speicherung für Unternehmen und Institutionen usw.
(4a) Übrigens: Die genossenschaftliche "Übernahme" eines insolventen Betriebs ist keine sozialistische Wirtschaftsromantik; sondern in bestimmten "ausweglosen" Situtationen vielleicht die einzige, letzte(?) Möglichkeit Arbeitsplätze zu retten. Natürlich rutschen sofort alle ehemaligen Mitarbeiter als "Genossen" in die gleiche Rolle wie kleine Selbstständige oder Freiberufler die allesamt ohne entsprechenden Lohnausgleich selbstausbeuterisch 50 bis 70 Stunden die Woche arbeiten. Denkbar sind auch kombinierte, abgestufte Modelle von Mitarbeiter- und Management-by-Out. Jedoch Achtung vor Übermut und sinnlosem Risiko: In der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik haben derartige Modelle nur äußerst selten funktioniert; da sofort alle beteiligten Banken die rote Fahne des (Wirtschafts)Sozialismus wehen sehen und vollständig auf stur schalten; auch wenn vorher ein unfähiges Management, internationale Verwerfungen oder eine missratene Generationsfolge den Betrieb an die Wand gefahren haben.
(5) Definition des Fotomarktes von Morgen: was heute Schlecker, Roßmann und Müller ist, wird für das Finishing morgen Tschibo, T-Online, O2 und Vodafone sein. Sicher muß heute der Umsatz (noch) mit dem Drogeriebild erwirtschaftet werden; jedoch Wege aus der Krise können immer nur Wege in die Zukunft sein. Nur dann gibt es Chancen auf (Wagnis)Kapital und Investoren!
(6) Die „zwangsweise“ unter dem Dach der ungeschickt und erfolglos operierenden BHG Holding zusammengeführten Laborgruppen KFS einerseits und V-Dia waren über wertvolle Wochen hinweg viel zu sehr damit beschäftigt, sich – mangels Auftragsvolumen neu zu orientieren bzw. wieder auseinander-zu-dividieren, als (gemeinsam) Strategien und Ideen für’s Überleben als dritte größere Finishergruppe in Deutschland zu entwickeln. Schade! Denn damit wurde (bereits ?) endgültig die letzte Chance für die Standorte und vor allem für die dort beschäftigten Mitarbeiter vertan.
(6) Als die Strukturen der "DDR" zusammenbrachen, dienten - bevor sich wieder die neuen Strukturen fanden - "runde Tische" als sinnvolle Alternative, unabhängig von überkommenen Körperschaften und Organisationen, Ideen und Wege in die Zukunft zu finden. Vielleicht sollten sich jenseits von selbstsüchtigen Gewerkschafts Abwicklungsansprüchen, Firmeninteressen und Insolvenzverwaltung nun endlich Diejenigen an einem Tisch zusammen setzen, die für die fotografische Finishing Branche überhaupt noch eine winzige Chance jenseits des bevorstehenden Finisher-Duopols und des Vormarsches von Tinte und Co. sehen.
Peter Walz 13.7.04 23:55
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